Artikel anzeigen

D Theater Reigen
02.11.2008 14.09 Uhr


Am Freitag, dem 24.10. besuchten einige Schüler des Grundkurses Deutsch mit ihren Deutschlehrern Arthur Schnitzlers "Reigen" in einer Inszenierung des Modernen Theaters Aschaffenburg.

Triebgesteuerter Tanz menschlicher Versuchskaninchen

Soviel Tier steckt im Homo sapiens. Die Menschen paaren sich, rotten sich zusammen, verlieren sich wieder. Sie kraulen sich gegenseitig den Rücken, verknoten sich für einige Minuten, um dann wieder alleine dazustehen. Nackt und schutzlos - als Sklaven ihrer Triebe.

Arthur Schnitzlers "Reigen" ist ein düsterer, Freud'scher Blick auf die Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Jeder steht sich hier selbst am nächsten. Die schnelle Lust ist der einzige Funke, der zwischen den zehn Paaren, die nacheinander aufeinandertreffen, überspringt. Wenn es der Dichter mit dem süßen Mädel oder der Ehemann mit seiner Gattin treibt, ist Liebe nur eine Worthülse. Der Glück versprechende Koitus: nichts als zwei Körper, die sich aneinander reiben. Nach der gestillten Begierde wird es trist und einsam.

Die "Reigen"-Inszenierung des Modernen Theaters Aschaffenburg, die jetzt unter der Regie von Jürgen Overhoff im Stadttheater Premiere feierte, präsentiert sich in logischer Konsequenz als eine kalte, menschliche Versuchsanstalt.

Rote Wärmelampen hängen über der karg ausgestatteten Bühne. Die Schauspieler tragen hautfarbene Ganzkörperanzüge wie hilflose, gerade geschlüpfte Küken. Oder wie die Mäuse im Laufrad, die im Hintergrund auf einer Videoleinwand manisch drauflosrennen, ohne Ziel und Zweck. Zehn Requisitenkisten stehen herum. Aus diesen gesellschaftlichen Schubladen kramt die Dirne ihr Domina-Outfit hervor, der junge Herr seinen Bademantel und die Ehefrau ihre Hausschuhe. Namen tragen diese Menschen nicht, sie sind austauschbare Prototypen.

Auf einem Bett mit roten Kissen treffen die Paare wie auf einem Seziertisch aufeinander. Zehn sexuelle Begegnungen, bei denen sich die Menschen körperlich, nicht aber mit dem Herzen näherkommen. Nach dem Akt, einem kurzen Moment des Glücks, kehrt die Sprachlosigkeit und die Distanz zurück. "Liebst Du mich eigentlich", ist die Frage des Abends, auf die keiner eine Antwort bekommt.

Schnitzlers Blick in die Betten geht durch alle gesellschaftlichen Schichten. Der Dichter (Reiner Fugger, stilecht mit Hut und Schal) verführt das süße Mädel (Agnieszka Kleemann), ein lispelndes Blödchen, und berauscht sich dabei an ihrer "herrlichen Dummheit". Um die betörende Schauspielerin (Cornelia Denk) rumzukriegen, muss er sich schon mehr ins Zeug legen. Die verführt daraufhin den alternden Grafen (Dieter Schaller), der sich später die Liebe lieber bei einer Dirne (ebenfalls Agnieszka Kleemann) holt. So ergibt ein Akt den nächsten, und am Ende schließt sich der Kreis des triebgesteuerten Tanzes und alles geht von vorne los.

Die Aschaffenburger Inszenierung konzentriert sich auf die starken Dialoge Schnitzlers, denen das Ensemble spielend leicht Leben verleiht. Dabei kommt der im Original vorherrschende Wiener Dialekt zwar immer wieder durch, doch die Schauspieler nehmen sich die Freiheit zur Abwandlung. Besonders gut gelingt das Steffen Rosenberger in seiner Rolle des vor sich hin schwäbelnden, biederen Ehemanns. Er singt seiner Gattin (Grazia Dominante) das Hohelied ehelicher Treue, um danach bei dem süßen Mädel sein Glück zu versuchen.

Damit ist er der Prototyp einer bigotten Gesellschaft, in der immer mit zweierlei Maß gemessen wird. Und in der die Frauen meist noch elender dran sind als die Männer: So lässt sich der feine, junge Mann (Torsten Kleemann) von seinem Stubenmädchen (Anne Fischer) nicht nur ein Glas Wasser bringen, sondern bedient sich ihres Körpers auch zur kurzzeitigen Triebbefriedigung - aus reiner Langeweile.

Zusammengehalten wird die Inszenierung durch die Livemusik von Thomas Archinal, Frank Winter, Markus Puhane und der Sängerin Florence Holzlè. Ihr beeindruckender Gesang bäumt sich leidenschaftlich auf, um dann wieder abzuebben in sanftem Flüsterton. Ein zartes Summen begleitet die Menschen bei ihrem rastlosen Reigen. Ein letztes Fünkchen Gefühl in einem eiskalten Spiel, bei dem es nur Verlierer gibt.

Martina Himmer (Main-Echo vom 23.10.08)


… mehr mit Fotoshow

| Login | Impressum & Datenschutz |