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Jugendtheaterabo 2019/2020
25.08.2020 09.00 Uhr


Wer hätte gedacht, dass Friedrich Hölderlin in seinem Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ einen Satz formulieren würde, der kaum treffender die diesjährige Theatersaison beschreibt: „Es ist nichts so klein und wenig, woran man sich nicht begeistern könnte.“

Die Vorfreude auf die Spielzeit war groß – ab und an den großen Streaming – Diensten, Free TV und YouTube den Rücken kehren, um sich „live“ eine Portion Kultur abzuholen. Gibt es etwas Schöneres? Bilder auf der Bühne erzählen, brauchen keine tiefergehende Interpretation, sondern sprechen die Sinne des Zuschauers an, treffen sie mitten ins Herz. Theater ist immer neu – jede Inszenierung liefert neue Blickwinkel. Also auf ins Abenteuer Theater! Los ging es mit Max Frischs „Homo Faber“. In diesem Lebensbericht dreht sich alles um die Frage nach der Stellung des Menschen zwischen Chaos und Struktur, zwischen Natur und Zivilisation und der Erkenntnis, dass letztendlich nicht alles auf messbare Fakten zu reduzieren ist. Danach vergnügten sich alle Frankophilen bei dem Besuch der Gesellschaftssatire „Le Bourgeois Gentilhomme“ von Molière. Ernst ging es weiter mit dem Stück „remembeRING“, das den Weg eines Ringes vom KZ Ausschwitz nach Tel Aviv beschreibt. Verlorenes und möglicherweise Vergessenes soll im Gedächtnis der Gesellschaft bleiben, erinnert werden. „Heinrich der Fünfte“ zeigte, was ein Mensch macht und was er vergisst, wenn er mit aller Gewalt hinter dem her ist, was er haben will. Darauf folgte Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm“, das eher als Krisenbericht zu sehen ist, der spottend und mit geschickten Anspielungen die damals aktuelle gesellschaftliche und politische Situation spiegelte. „All about nothing“ - ein sehr bewegendes Stück über Kinderarmut, machte sehr intensiv aufmerksam auf die sozialen Machtstrukturen einer recht kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Mit Hilfe von authentischen Interviews, Tanzeinlagen, Projektionen, Zeichnungen und Musik wurden Fragen wie: „Wie werde ich zu der, die ich bin, durch das was ich habe? Kann ich alles werden, wenn ich nur fest genug an mich glaube? Oder ist Armut erblich? Oder ist Geld nur eine Erfindung? Was heißt es, mitten im Überfluss arm zu sein?“ theatralisch umgesetzt. Dies war ein besonderes Theatererlebnis, da zum einen im Anschluss an die Aufführung eine „Nachbesprechung“ des Stücks mit den Schauspieler*innen stattfand, zum anderen die Theaterklasse in der schulischen Vor- und Nachbereitung ihr Theaterwissen anwenden konnte. Der „Poetry Slam“ stellte den nächsten Höhepunkt der Theatersaison dar. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass es auch die letzte öffentliche Veranstaltung im Stadttheater oder auf vielen anderen Bühnen sein sollte. Nicht ganz unerwartet, aber doch letztendlich recht plötzlich, beherrschte ein völlig anderes Thema die gesellschaftlichen Ereignisse. Die Pandemie, das der Corona Virus ausgelöst hat und die damit verbundenen Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen haben zu einem vorzeitigen Spielende der Spielzeit geführt. Die Regieanweisung „Exeunt – sie gehen ab“ vieler Stücke wurde zur Realität. Geplante Theaterbesuche und Workshops konnten leider nicht mehr durchgeführt werden. Dennoch steht auch an diese Stelle erneut Hölderlin mit Rat und Tat zur Seite: „Und alles Getrennte findet sich wieder“ - und ihr wisst auch schon wann – sobald die Theatersaison 2020/21 beginnt. Das Stadttheater hat bereits ein spektakuläres Programm für euch geplant. Bis dahin! Seid dabei!

 

Ute Massow

 


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