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L/Gr/G Vortrag von Herrn Professor Gehrke am KGA 30.11.2010 16.12.2010 20.11 Uhr
Griechische Mythen und europäische Identität(en)
„Unbedingt europäisch ist alles, was von drei Quellen - Athen, Rom und Jerusalem - herrührt.“
Mit diesem, später von Theodor Heuss variierten Zitat von Paul Valéry umreißt Hans-Joachim Gehrke auf seiner Homepage eine zentrale Fragestellung seines wissenschaftlichen Wirkens ebenso wie den Rahmen seines Vortrags am Kronberg-Gymnasium: Was ist eigentlich europäisch? Was bedeutet europäische Identität? Und was haben die Griechen damit zu tun?
In seinem Vortrag verfolgte Gehrke das Fortwirken zweier zentraler Mythen in der Geschichte Europas. Zum einen zeigte er auf, dass der Troja-Mythos, vermittelt durch die Römer, die sich ja auf Aeneas zurückführten, bis weit ins Mittelalter hineinreichte. Waren die Römer eigentlich Trojaner (zumindest deren Abkömmlinge), so waren es auch die Nachfolger der Römer, die Franken ebenso wie die Byzantiner. Ja sogar die Türken führten sich auf einen angeblichen trojanischen Prinzen zurück. Gehrke zeigte auf, dass diese Traditionslinie das Selbstverständnis der europäischen Völker über lange Zeit prägte. In dieser Sichtweise trennt die Ägäis Europa und Asien nicht, und die Türkei wäre ein integraler Bestandteil Europas.
Für unsere Gegenwart wirkungsvoller war aber der Mythos von den Perserkriegen. Auch wenn die Perserkriege im Gegensatz zum Trojanischen Krieg den Rang historischer Wirklichkeit beanspruchen können, wurden sie von Anfang an mythisch aufgeladen. In der Perspektive der Griechen, deren erfolgreiche Abwehr der schier übermächtigen Perser ja eine Sensation war, ging es von Anfang an um mehr als den reinen Selbsterhalt: es ging um den grundsätzlichen Kampf der Freiheit gegen die Despotie, der Schlichtheit gegen den Protz, der Rationalität gegen die Hybris. Gehrke verfolgte die Auswirkungen dieser Sichtweise, beginnend mit ihrer Grundlegung bei Aischylos und besonders Herodot, und konnte nachweisen, dass ihre Ausläufer bis zum Ost-West-Konflikt des 20. Jahrhunderts und Huntingtons „Clash of Civilizations“ nachweisbar sind. Die Vorstellung, dass Asien (und damit auch die Türkei) von Europa grundsätzlich verschieden sei (eine Ansicht, die in der aktuellen Integrationsdebatte ebenso mitschwingt wie bei der Frage, ob die Türkei zur EU gehören sollte), hat hier ihre Wurzel.
Es gelang Gehrke glänzend, in seinem völlig frei gehaltenen Vortrag jeden im sehr weit gestreuten Publikum zu erreichen, vom interessierten Sechstklässler über Eltern und zahlreiche Gäste bis hin zu den Fachkollegen. Es hätte nicht klarer herausgearbeitet werden können, wie sehr Menschen von jahrtausendealten Mythen geprägt sein können, ohne auch nur eine Idee von der Existenz dieser Mythen zu haben. Und damit wurde jedem evident, dass nur die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geeignet ist, die eigene Gegenwart zu verstehen und den Weg in die Zukunft zu begreifen.
Den Abschluss des Abends bildete ein kleines griechisch-römisches Buffet, das regen Zuspruch fand. Als Fachbetreuer Latein/Griechisch möchte ich an dieser Stelle noch einmal allen danken, die zum Buffet und zum Gelingen des Abends beigetragen haben.
Dr. Matthias Ludolph
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